Formel 1 2018: Sichere Königsklasse

Am zweiten Adventssonntag gibt’s für Euch das zweite Interview, das ich 2018 führen durfte. Im Auftrag von „Rally&More“ traf ich mich mit Christoph Ammann. Er baute mit Grand Prix Tickets einen weltweit agierenden Ticketshop und die Security-Firma CAM auf, die im Paddock der Formel 1 für Sicherheit sorgt. Wie sicher die Formel 1 aktuell ist und was sich mit dem Machtwechsel an der Formel-1-Spitze verändert hat? Das hat er mir im Gespräch in Spielberg erzählt.

Wie sicher ist die Formel 1 aktuell?
Christoph Ammann
: „Im Moment ist es sehr sicher. Im Hintergrund sind immer schon Dinge erledigt worden, ohne dass Fans etwas davon mitbekommen haben. In Hockenheim hat es zum Beispiel vor langer Zeit einmal vor dem Start Bombendrohungen gegeben. Das wurde dann kontrolliert, davon wussten aber nur sehr wenige und es gab keine Panik.“

Welche konkreten Unterschiede gibt es zwischen den einzelnen Grands Prix?
Ammann
: „Zwischen den Ländern gibt es natürlich Unterschiede. Das erste Land, in dem es verschärfte Kontrollen gab, war die Türkei. Autos, die in den Innenbereich gefahren sind, wurden auf Bomben im Kofferraum untersucht. Das ist speziell in Abu Dhabi oder Bahrain üblich. Gott sei Dank polarisiert die Formel 1 nicht so sehr, sodass sie nicht für politische Attacken genutzt wird.“

„In Brasilien ist das große Problem, dass die Rennstrecke im ärmsten Stadtteil liegt. Dort darf man die Park-Aufkleber nicht auf seinem Auto anbringen. Es hat leider schon viele Vorfälle gegeben – korrupte Taxifahrer und so weiter. Für Fans ist das nicht unbedingt eine Destination, die man besuchen muss. Positiv überrascht bin ich von Mexiko. Dort bin ich selbst im Einsatz und habe noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Autos haben dort einen großen Wert, daher würde dir niemals jemand einfach reinfahren – auch bei acht Spuren und 20 Millionen Menschen im Umkreis nicht. In der Gegend der internationalen Hotels kann man auch abends auf der Straße gehen, in Brasilien fährt man nur mit dem Taxi.“

„In Bahrain waren wir auch während der Proteste vertreten. Ich habe nur ein, zweimal brennende Reifen gesehen. Seit ein paar Jahren steht auf dem Weg zur Strecke alle paar hundert Meter ein Polizeiauto.“

In Belgien wurde 2013 von Umweltaktivisten ein Plakat vor Rennstart auf einer Tribüne enthüllt. Wie geht man mit solch einer Situation um?
Ammann
: „Die waren sehr schlau und haben das Plakat schon lange vor dem Rennen montiert. Danach wurde es ferngezündet und dadurch enthüllt. Da so etwas zuvor noch nie passiert ist, hat auch niemand darauf geachtet. Seitdem wird auch auf solche Sachen geschaut.“

Christoph Ammann mit Legende Jackie Stewart und dem Tyrrell 006 (1973) | Fotocredit: Ammann

Machen wir einen Blick in die Vergangenheit: Wie sind Sie mit der Formel 1 in Berührung gekommen?
Ammann
: „1986 habe ich am Österreich-Ring bei einer Kärntner Firma mitgearbeitet, das war aber ganz schrecklich. Ich habe mir dann gedacht, ich kann das besser. 1987 war der Grand Prix dann eigentlich abgesagt, nur wusste das niemand. Im Mai sind dann plötzlich Leute von der heutigen FOM (Formula One Management; Anm.) aufgetaucht. Die haben mir gesagt, ich solle den Kartenverkauf übernehmen. Ich bekam die Schlüssel zum Büro, wo eine Schachtel mit Anfragen lag. Und am nächsten Tag sollte das Geschäft laufen. Damals herrschte in Kanada gerade ein großer Streit zwischen zwei Brauereien, daher fiel dieses Rennen aus und Österreich fand noch einmal statt.“

Was hat sich zwischen dem Österreich-Ring, A1-Ring und heute dem Red-Bull-Ring verändert?
Ammann
: „Die Zeiten des Österreich-Rings waren sehr wild. Die ganze Organisation lag in den Händen von Vereinen, das war ein Chaos. Viele Personen haben versucht, in drei Tagen reich zu werden. Früher war die FIA mit zwei Leuten vor Ort, heute sind es 30 oder 40, die den Sport betreuen. Die A1-Ring-Zeit war sehr spannend, weil damals Gerhard Berger maßgeblich daran beteiligt war, dass das Rennen überhaupt wieder stattfindet. Nach der schlechten Erfahrung auf dem Österreich-Ring haben wir alle, von der Politik bis zu den Bauern, zusammengetrommelt und ein Konzept erarbeitet. Beim A1-Ring war auch nicht viel Geld da, im Endeffekt war eine Firma von Bernie Ecclestone der Veranstalter. Zu Red-Bull-Zeiten wurde das Konzept zum großen Teil übernommen. Es wurden endlich Fußgänger-Brücken gebaut und solide Zäune. Der Aufbau ist viel professioneller.“

Wie sieht das Engagement von CAM bei den Rennen aus?
Ammann
: „Wir sind mit den Abläufen in der Formel 1 mittlerweile gut vertraut. So können wir Veranstaltern wie in Bahrain oder Abu Dhabi helfen, weil es dort keine Kultur für solche Events gibt. Am Anfang sind wir dann oft 150 bis 200 Personen und arbeiten auch mit lokalen Firmen zusammen. Dann reduziert sich das Aufgebot auf 50 bis 60 Personen vor Ort, das liegt ganz am Veranstalter.“

„Wir haben auch viele Mädels mit, weil viele Personen Frauen gegenüber freundlicher sind. Gott sei Dank ist bei tausenden Veranstaltungen bislang sehr wenig passiert. Einmal hat ein Mitarbeiter einen Faustschlag einstecken müssen, der hatte dann eine gebrochene Nase. Aber ansonsten verstehen die Leute unsere Anweisungen meistens. Wenn sich jemand nicht auskennt, dann wird er höflich darauf hingewiesen, wo er hingehen darf und wo nicht.“

Sie sind nicht nur in der Formel 1, sondern auch in der MotoGP aktiv. Wie unterscheiden sich diese beiden Serien?
Ammann
: „Es ist sehr gut, dass auch die Motorrad-WM wieder ausgetragen wird. Ich war 1997 Mitveranstalter. Da fand auch das erste Mal wieder die Formel 1 in Österreich statt und der Vorverkauf für die Motorrad-WM war irrsinnig schlecht. Das Wetter war der Wahnsinn, sieben Grad und Regen. Das hat viel Geld gekostet. Damals dachten wir, die Motorrad-WM ist in Salzburg besser aufgehoben. Jetzt ist es sensationell, wie die MotoGP angenommen wird.“

Kann man sagen, die MotoGP ist schon die bessere Formel 1?
Ammann
: „Es sind mehr Köpfe da, allerdings ist der Umsatz bei der Formel 1 höher, die Kosten natürlich auch. Bei der MotoGP ist interessant, dass im TV 100.000 zuschauen und zum Rennen gleich viele kommen. Bei der Formel 1 hat man viel mehr Fernseh-Zuschauer. Aber das Publikum ist ein ähnliches. Das hat sich auch über den Preis geregelt. Ende der Neunziger wurde wild gefeiert. Jetzt hält der Eintritt manche vom Besuch ab. Dadurch ist es viel gesitteter geworden.“

Ist es mittlerweile schwieriger geworden, die Formel 1 zu verkaufen?
Ammann
: „Ein Schock war der deutliche Einbruch 2014, als die neuen Motoren eingeführt wurden. Bevor man die überhaupt selbst gehört hat, wurde schon negativ berichtet. Damals hatten wir noch dazu das Pech, dass Red Bull nicht gut war. Voriges Jahr war es schon besser, da die Autos wieder ein wenig lauter, breiter und schneller wurden. 2018 ist noch besser.“

Ammann mit Frau Eva und Neffen Markus (Security-Chef) in Melbourne 2018 | Fotocredit: Ammann

Gibt es einen gewissen „Red-Bull-Faktor“ beim Ticketverkauf?
Ammann
: „Es gibt Fahrer und Länder, die beim Ticketverkauf helfen. Schon Vater Verstappen hat als ‚Jos The Boss‘ viele Fans gehabt, beim jungen Verstappen ist das noch einmal verschärft. Ich habe allein von Spielberg aus für das Belgien-Rennen 25.000 Karten nach Holland verkauft. Was nicht so einfach ist: Jedes Jahr die Österreicher zu mobilisieren. Da sind kleine Pausen ganz gut. Ich wäre nicht dagegen, wenn man mit Ungarn oder Deutschland im Zweijahresrhythmus ein Rennen veranstaltet. Red Bull ist in Österreich als Marke gut, weniger sieht man Mercedes-Fans.“

„Hamilton zieht als Person, weil er in den Medien außerhalb des Sports sehr präsent ist. Vettel ist ein netter Kerl, den ich schon seit er 16 Jahre alt ist kenne, aber er ist eben kein Schumacher. Und in der MotoGP wird es bald zum Problem, wenn Rossi nicht mehr fährt. In der Fanzone gab es vier Stände nur mit seinen Sachen, und die Tribüne war gelb. Das gab es auch in der Formel 1, als Senna gestorben und dann Schumacher gekommen ist. Aber im Moment ist es besser, Rossi fährt noch mit und wird Zehnter. Die Frage ist, ob man in zwei Jahren jemanden aufbauen kann. Auch KTM als österreichisches Team wird wahrscheinlich nicht so ziehen.“

Könnte ein österreichischer Fahrer die Formel 1 oder MotoGP in Spielberg halten?
Ammann
: „Das Rennen wird hier durch das Interesse von Red Bull und Herrn Mateschitz gehalten. Da braucht man sich nichts vorzumachen, dass hier dazugezahlt wird. Wenn es das nicht gäbe, würde auch kein österreichischer Pilot das Rennen retten, außer er würde alles gewinnen. Da kann man nur hoffen, dass Red Bull noch viele Jahre Interesse daran hat.“

2017 hat Liberty Media das Lenkrad der Formel 1 übernommen. Gibt es nun Unterschiede im Vergleich zur Zusammenarbeit mit Bernie Ecclestone?
Ammann
: „Mit Bernie hatte ich nie einen Vertrag. Ich habe einfach gemacht. Wenn etwas ausgemacht war, dann habe ich eine Rechnung geschickt, die wurde blitzartig gezahlt. Die Zusammenarbeit hat immer bestens funktioniert. Bei Bernie hat es nur einen Chef gegeben. Jetzt läuft es wie bei einem großen Konzern ab. Das Büro von Bernie hatte zuletzt 30 Personen, jetzt sitzen dort 200. Natürlich sind auch neue Felder, wie digitale Medien, entstanden. Liberty probiert sehr viel, auch mit diesem Streaming-Dienst. Für die Zukunft ist das bestimmt nicht schlecht. Beim Bernie war es eher immer schwierig, etwas Neues auszuprobieren. Wenn du eine Idee hattest, musstest du ihn so darauf ansprechen, dass es natürlich seine war, du aber dennoch den Zuschlag bekommen hast. Jetzt gibt es teilweise Verträge, aber ansonsten hat sich nicht viel verändert.“

Hat es den Wechsel gebraucht?
Ammann
: „Mein Ziel ist es, gleich alt wie Bernie zu werden und hoffentlich mit 87 geistig noch so fit zu sein. Aber irgendwann ist die Zeit einfach abgelaufen. Dann muss man eben so einen drastischen Schnitt machen. Sein Geschäftszugang war eben ein anderer, das würde heute nicht mehr funktionieren. Sein Lebenswerk ist es sicher, dass die Formel 1 so groß geworden ist und floriert. Außerdem hätte er sich mit über 80 verdient, seine Ruhe zu haben. Aber er würde eben noch gerne mitmischen.“

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