#KeepKimi: Räikkönen & Leclerc sind Gewinner

Dem Anfang wohnt ein Zauber inne, heißt es. Manchmal auch dem Ende. Manchmal schließt sich ein Kreis, den man als solchen gar nie begriffen hat. Dann wird einem klar, wohin die Reise all die Jahre geführt hat. Im Fall von Kimi Räikkönen führt sein Weg zu einem Team zurück, bei dem er wohl nicht nur den Beginn sondern auch das Ende seiner Karriere erleben wird.

Der 11. September war bereits vor fünf Jahren ein Schicksalstag für den Finnen. Im Herbst 2013 wurde bekannt, dass er gemeinsam mit Fernando Alonso das neue „Superteam“ der Roten bilden werde. Dass Räikkönen 2014 schließlich seine schlechteste Formel-1-Saison hingelegt hat und sowohl Alonso, als auch der wohl glückloseste aller Ferrari-Teamchefs, Marco Mattiacci, und der prägende Ferrari-Boss Luca di Montezemolo zu Saisonende das Team verließen, ist ein Paradoxon an sich. Denn der einzige, der blieb, war der „Iceman“ nach seinem misslungenen Comeback.

Am 11. September 2018 ist die Zeit der Spekulation nun endlich vorbei. Am heutigen Tag wurden gleich mehrere mutige Entscheidungen getroffen: Ferrari holt den 20-jährigen Charles Leclerc ins Team. Es ist der jüngste Neuzugang bei den Roten seit Ricardo Rodriguez 1961 (danke WTF1!). Eine sehr mutige Entscheidung von beiden Seiten.

Denn Sebastian Vettel bekommt ernstzunehmende Konkurrenz zur Seite gestellt. Er weiß, dass Leclerc noch ganz andere Ambitionen hat wie ein Weltmeister Räikkönen. Dass Vettel lieber seinen Kumpel Kimi an seiner Seite hätte, ist ebenso ein offenes Geheimnis. Der Deutsche hat es gerne bequem in seinem Nest, Konkurrenz von innen passt nicht dazu. Das beste Beispiel liefert die Saison 2014, als Daniel Ricciardo dem deutschen Weltmeister die Stirn bot. Setzt Ferrari damit Vettels Weltmeisterträume in den Sand?

Andererseits heißt es auch: Konkurrenz belebt das Geschäft. Bekanntlich ist Vettel kein Verlierertyp. Wenn es nicht nach seiner Pfeife rennt, schmollt er. „We talk later“, nach dem Qualifying in Monza – als er Räikkönen per Windschatten zur Pole zog – ist nur ein Beispiel dafür. Diese Einstellung muss ein Rennfahrer auch mitbringen, möchte er seinen fünften WM-Titel gewinnen. Doch während mit Räikkönen Reibereien Seltenheitswert genießen, könnte Young Charles in Maranello einheizen.

Ein besserer Lehrmeister als Sebastian Vettel lässt sich im aktuellen Fahrerfeld kaum finden, aber der Stempel der Nummer 2 ist schon so manchem Ferrari-Piloten haften geblieben. Leclerc muss aufpassen, dass er einerseits nicht zu ambitioniert ans Werk geht, um nicht Vettel zu verärgern – und damit Siege und WM-Titel aufs Spiel zu setzen. Andererseits ist er nicht gekommen, um die Wassereimer zu tragen, die Räikkönen stehenlassen wird. Ein schmaler Grat.

Räikkönen befreit sich hingegen von der schweren Last auf seinen Schultern. Immer noch ist der Finne der bisher letzte Ferrari-Weltmeister – und auch der letzte aktive. Er hat sich nichts vorzuwerfen und weiß, dass er bei Ferrari nur noch die zweite Geige spielen wird. Die jeweils zaghaften, einjährigen Vertragsverlängerungen in den vergangenen Jahren waren Beweis genug, dass man den „Iceman“ zwar schätzt, aber dass sich seine Zeit in Rot rapide dem Ende genähert hat.

Vielleicht hätte er sogar noch einmal verlängern können, hätte nicht die Familie Todt im Hintergrund einen so großen Einfluss. Nicht umsonst bedankt sich Leclerc bei seinem Manager in einem Tweet nach der Bekanntgabe. Räikkönen hatte zwar das Team und die Fans auf seiner Seite – nicht aber die oberste Chefetage.

Der Weg zurück nach Hinwil war steinig. Über McLaren, wo er nach nur einem Rookie-Jahr ebenfalls ins kalte Wasser des Woking-Sees geworfen wurde, zum ersten Intermezzo in Maranello. Dass er bei Ferrari nie wissen konnte, wie er dran war, zeigte sich schon 2009 – als er Ende des Jahres trotz Vertragsverlängerung für Alonso Platz machen musste. Räikkönen ist aber nicht nachtragend. Er überraschte mit zwei Siegen bei Lotus, bevor er schließlich zur Scuderia, am 11. September, zurückging.

Die Lotus-Jahre waren etwas Besonderes. Denn in der Rolle des Außenseiter gefiel sich Räikkönen. Die Erwartungen waren nicht allzu hoch, Siege schienen unmöglich und selbst Podestplätze außer Reichweite. Außerdem lastete viel weniger Druck auf ihm. Und er musste weniger lästige PR-Termine absolvieren.

Er konnte Podestplätze einfahren und in Abu Dhabi 2012 und Australien 2013 schließlich sogar gewinnen. Könnte der mittlerweile 38-Jährige im Spätherbst seiner Karriere bei jenem Team, bei dem er 2001 als 21-Jähriger mit nur 23 Rennen Erfahrung und einer Superlizenz auf Bewährung, wieder in die Rolle des Underdog schlüpfen? Sauber befindet sich gerade im Aufstieg in das solide Mittelfeld begriffen. Mit einem so außergewöhnlichen Fahrer, dessen Kaliber jenes der anderen in diesem Umfeld weit überstrahlt, könnte man 2019 für Überraschungen sorgen. Für das Team ist die Verpflichtung des 20-fachen Grand-Prix-Gewinners sowieso ein Glücksfall.

Zwar ist er seinen Nummer-2-Posten in einem Topteam los, hat allerdings in einem aufstrebenden Rennstall mit Werksunterstützung und vielen bekannten Gesichtern praktisch Narrenfreiheit. Für Leclerc ist hingegen die Zeit gekommen, in der er sich beweisen kann – und muss. Ist er der kommende Weltmeister, den Ferrari sehnlichst sucht? Und wenn ja, ist er dieser Herausforderung schon gewachsen? Übrigens: Der jüngste Weltmeister auf Ferrari ist immer noch Niki Lauda (bei seinem Titel 1975 war er 26 Jahre alt).

Gewinner sind aber nicht nur die beiden Herrschaften, sondern die Formel 1 allgemein. Chase Carey wird sich vor Freude seinen Schnauzer gezwirbelt haben, wie er von den Nachrichten erfahren hat. Denn verliert die Königsklasse nach Fernando Alonso den nächsten Charakterkopf, dann bleiben nicht mehr viele übrig. Räikkönens Abgang wurde, sicherlich auch den zahlreichen Fans zuliebe – eine Petition (#KeepKimi) haben bereits knapp 90.000 Menschen unterschrieben – künstlich hinausgezögert. Dem Weltmeister von 2007 wird das völlig egal sein. Solange er eine faire Chance auf der Strecke bekommt, wird er uns zwei weitere Jahre mit „Bwoahs“ beglücken. Eine bessere Lösung hätte man für alle Beteiligten nicht finden können.

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