Formel-1-Qualifying: Früher war doch alles besser

Am Ende hat sie gesiegt, die Vernunft. Die Gretchenfrage rund um das Qualifying der Formel 1 scheint gelöst. Die Einsicht von Bernie Ecclestone und Jean Todt kam spät, sehr spät. Nun aber mussten sie sich beugen. Nicht gerade etwas, das Charaktere von Format Eccelstone gerne machen.

Doch sie mussten nachgeben. Sonst wäre eine gefährliche Pattstellung eskaliert. Die Formel-1-Teams, die vor der Saison noch für das neue Eliminations-Qualifying-Format gestimmt hatten, haben ihren Willen durchgesetzt. Ein Brief brachte die Kehrtwende. Geschrieben von den elf Teamchefinnen und Teamchefs. Einstimmigkeit, selten zu finden in der Königsklasse. Hat man einen gemeinsamen Feind, wird man eben schneller Freund. Die Teams wollten weder das neue „Reise-nach-Jerusalem“-Prozedere, noch modifizierte Varianten davon, und schon gar kein komplett neues System.

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Das neue Qualifying-System, das in Australien eingeführt wurde.

Genau so ein neues System wollten Ecclestone als Rechteinhaber (FOM; Formula One Management) und Todt (Präsident des Automobilweltverbandes FIA) durchdrücken. Zuerst gab man den Teams nicht die Wahl zwischen dem neuen Eliminations-System und dem alten aus der vorjährigen Saison. Zur Abstimmung nach der Australien-Blamage standen nur das aktuelle Format oder eine modifizierte Variante davon. Da sich die Teams nicht einig waren – viele wollten nur komplett zum alten, bewährten System zurück – wurde in Bahrain zum zweiten Mal das neue System gefahren. Und noch augenscheinlicher wurden die Fehler im System. Sechs Minuten vor Ablauf der Zeit war im zweiten Abschnitt kein Auto mehr auf der Strecke – nur ein Beispiel.

Das zweite Meeting am Rennsonntag in der Wüste brachte ebenfalls kein Ergebnis. Wieder wurde das alte System nicht einmal diskutiert. Nur das neue Format in modifizierter Form, vielleicht mit mehr Reifen für die Piloten, damit diese mehr Runden fahren können. Aber auch komplett neue Vorschläge lagen auf dem Tisch. Der eigentliche Wille der Teams wurde wieder nicht erhört.

Warum eigentlich? Jean Todt erklärt in einer Pressekonferenz in Bahrain, dass man dem neuen System eine Chance geben wolle und dass es in unserer Welt sowieso schon genügend Überreaktion gebe, da bräuchte man nicht noch mehr davon in der Formel 1. Es wäre jedoch keine Überreaktion gewesen, das neue Format sofort wieder zu kübeln. Das wäre einfach nur pure Logik gewesen. Stolz und Angst in der Öffentlichkeit als Gescheiterte dazustehen, waren jedoch die treibenden Kräfte.

Nun also der Brief der Teamchefs an besagtem Donnerstag, eigentlich der Tag, an dem wieder über das aktuelle Format oder einen neuen Vorschlag (mit kumulierten Rundenzeiten) abgestimmt werden sollte. Doch die Teamchefs, die ihre Fehlentscheidung von vor der Saison schon nach dem ersten Qualifying in Melbourne begriffen haben, machten nicht mit. Todt und Ecclestone, die bis zum letzten Moment am neuen Format festgehalten haben, gaben schließlich nach. Denn sie wissen auch: Ohne Teams keine Formel-1-Rennen.

Und keine Formel-1-Rennen ohne Fahrer. Die Piloten waren die ersten in diesem Machtspielchen – das weit über die Thematik des Zeittrainings hinausgeht-, die erkannt haben, dass da etwas gehörig schiefgelaufen ist. Ein Format, das in der Vergangenheit gut funktioniert hat, spontan zu kippen und auch nach dem Misserfolg weiter daran festzuhalten – das war den Fahrern schon nach Melbourne zu viel. Sie schrieben ebenfalls einen Brief.

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Zwar mit weniger Wirkung, die Formel-1-Fans wurden dadurch aber sensibilisiert – und haben sich ebenfalls auf die Seite der Teams und der Fahrer geschlagen, wie aus mehreren Online-Umfragen deutlich hervorgeht. Und schlussendlich spielen auch die Medien in diesem Machtpoker eine Rolle. Auch die Meinungsmacher in der Branche wurden beim Thema Qualifying deutlich, von „Farce“, „Misere“ oder „Hickhack“ war die Rede. Das Motto lautete also: Alle gegen Jean und Bernie. Diesen Kampf haben sie nun verloren. Ein unwichtiger Nebenschauplatz sagen viele, können die beiden bei anderen Themen, wie den neuen Regeln für 2017, zurückschlagen?

Nun muss die Rückkehr zum alten 2015er Quali-Prozedere noch von der Formel-1-Kommission und vom FIA-Weltrat beschlossen werden. Das Statement der FIA und der FOM ist aber zumindest schon ein Schritt in die richtige Richtung. Die Hoffnung bleibt also – wie auch die Frage: Wer schreibt den nächsten Brief?

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