Ernst Hausleitner im Gespräch: Über glasige Augen, gleichfrisierte Fahrer & die Formel 1 in anderen Sphären | Teil I

Zwei Jahre ist unser letztes Gespräch nun schon her. Es wurde also höchste Zeit, wieder einmal bei Ernst Hausleitner anzurufen. Für österreichische Formel-1-Fans ist er die Stimme der Königsklasse. Seit 2009 kommentiert der Oberösterreicher die Formel 1 im öffentlich-rechtlichen ORF. Er hat sich an einem bewölkten Februarabend über eine Stunde Zeit genommen, um mit mir über verschiedenste Aspekte der Königsklasse zu diskutieren. Über Lewis Hamiltons menschliche Seite, „Ausnahmekönner“ Sebastian Vettel, Kimi Räikkönens letztes Formel-1-Jahr, oder auch den Mexiko-Grand-Prix 2015, der „stimmungsmäßig überragend“ war. Der zweite Teil folgt nächste Woche.

Anfang 2014 haben wir uns das erste Mal unterhalten. Damals hast du noch gemeint, dass das Jahr mit dem neuen Reglement „erklärungsintensiv“ werden würde. War es das auch tatsächlich?
Ernst Hausleitner: „Ja, schon. Das ist ja auch das, was viele Fans kritisieren, dass es zu kompliziert geworden ist. Die Umstellung auf die Hybrid-Motoren hat damit sicherlich viel zu tun gehabt. Direkt und indirekt. Direkt, weil die Antriebseinheiten so komplex geworden sind. Indirekt, weil dadurch auch das Reglement kompliziert und teilweise völlig  undurchschaubar geworden ist. Mit den Strafen und so weiter. Ich weiß jetzt nicht mehr, wie viele Strafplätze McLaren im Laufe der Saison gesammelt hat. Das war alles nur eine Konsequenz aus der Umstellung der Motoren.“

Hat sich dadurch deine Arbeitsweise verändert?
Hausleitner: „An meiner Arbeitsweise hat sich eigentlich nichts verändert. Man stellt sich dann schon oft die Frage, wie weit soll man ins Detail gehen und wie viel an technischem Detail ist dem Seher zumutbar. Oder wo hört das Interesse auf. Das ist schon eine Gratwanderung. Das sind Motoren, die man sich nur noch ganz schwer vorstellen kann. Wie sie funktionieren, wie das Zusammenspiel der einzelnen Komponenten ist. Das dann bis ins Details zu erklären: Ja oder Nein? Wie oft macht man’s? Jeden Grand Prix oder nur an jedem zweiten? Lässt man’s dann irgendwann auch einmal gut sein? Das sind sicherlich Fragen, die sich aufgedrängt haben.“

Hat sich von 2014 auf 2015 etwas verändert? Haben sich die Fans ans neue Reglement gewöhnt?
Hausleitner: „Ich hoffe schon. Ich bin mir relativ sicher, dass wir ein sehr fachkundiges Publikum haben. Das weiß ich auch aus vielen Zuschriften, dass Leute Fragen stellen, die wirklich tief in die Materie hineingehen. Da bin ich mir auch sicher, dass sich die Leute mit den neuen Motoren auseinandergesetzt haben und wissen, was da ungefähr unter der Verkleidung steckt. Aber den Kritikpunkt vieler Fans, dass es zu kompliziert geworden ist, den kann ich schon teilen.“

Du hattest Lewis Hamilton schon des Öfteren für längere Interviews vor der Kamera. Nun hat er sich ein gewisses Image zugelegt. Ist das wirklich der wahre Lewis Hamilton, der mit Goldkette, Hunden und It-Girls durchs Fahrerlager läuft?
Hausleitner: „Zum einen muss ich sagen, so wie er auftritt, sich gibt und selbst inszeniert auch über diverse soziale Netzwerke, das ist das Beste, was dem Sport passieren kann. Er ist einer, der die Formel 1 in andere Sphären bringt mit dem ganzen Theater, oder wie immer man das auch nennen will. Damit hebt er den Sport noch einmal auf eine ganz andere Ebene, bringt den Sport in andere Gesellschaftskreise und vielleicht auch jüngeren Menschen näher. Grundsätzlich ist er für den Sport Goldes wert.“

„Ob er tatsächlich so ist, dass traue ich mich so nicht zu beantworten. Ich weiß nur, dass er ein sehr hohes soziales Engagement hat. Ich erinnere mich an das letzte lange Interview, das ich mit ihm in Mexiko gemacht habe. Wo er dann wirklich redselig geworden ist und man auch den Eindruck hatte, dass er sehr authentisch ist, war, als wir über Kinder gesprochen haben.“

„Er ist einer, der die Formel 1 mit dem ganzen Theater in andere Sphären bringt .“

– Hausleitner über Lewis Hamiltons Lebensstil

Ich erinnere mich an das Foto auf Instagram mit dem Jungen…

Hausleitner: „Ja genau. Das Kind hat Krebs. Der größte Wunsch von dem Jungen war, Hamilton einmal zu treffen und er hat ihn dann auch getroffen. Aber nicht nur das, er hat mit ihm zwei Stunden Lego gespielt. Das machst du nicht, wenn es dir nur um die PR gehen würde. Da hatte ich auch den Eindruck, dass er sich öffnet, da redet er dann. Er war auch wirklich ergreifend in dem, was er gesagt hat und wie er es gesagt hat. Da hat er dann glasige Augen bekommen, weil ihm das sehr nahe gegangen ist. Ich finde, auch danach sollte man ihn beurteilen und nicht nur nach dem ganzen Red-Carpet-Wahnsinn.“

Today, I was visited by one of the most beautiful angels I have ever had the pleasure of meeting. Mason, only 5 years old with a brain tumour has spent most of his life in hospital. So many operations, 8 to his head & they say there is no more they can do for him. In the little time we had together today, we played with toy cars & lego. I cannot begin to express my feelings except to say he is the highlight of my year, truly a blessing to this world & I just ask, if you have a minute, to send a prayer his way. He's had the everything go against him in his short life yet his smile is so pure & bright, only full of love. This little boy is my hero, so many kids around the world today suffering like mason of which only our prayers & positive energy can help. Today, he filled my heart with all he had & I love him for that. God Bless you Mason, may God keep his hand over you & your family. #newbestbuddy #godbless #prayformason

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Wie schafft man’s in der PR-dominierten Formel 1 überhaupt noch authentische Aussagen von Fahrern zu bekommen?
Hausleitner: „Die offiziellen Pressekonferenzen der FIA am Donnerstag zum Beispiel, die sind, würde ich sagen, zu 90 Prozent eine Farce. Da bekommt man nur standardisierte Antworten. Der Journalist hat auch nicht die Möglichkeit nachzuhaken und vier, fünf Fragen zu stellen. Da liegt die Schuld ein bisschen im System, das ist sehr lähmend. Wo du versuchst, andere Dinge herauszukitzeln ist bei einem 1-zu-1-Interview. Die sind mit den großen Stars relativ schwierig zu bekommen.“

„Hamilton hatten wir in der vergangenen Saison zwei Mal. Die Topklasse der Fahrer, wie Hamilton, Rosberg, Vettel oder Alonso, die bekommt man vielleicht ein, zwei Mal im Jahr für ein Einzelinterview. Da liegt es dann schon in der Hand des Journalisten, dass er da etwas herausholt. Da sehe ich die Schuld nicht nur bei den gleichfrisierten Fahrern, sondern da gibt es schon die Möglichkeit, dass man sich auch über andere Dinge unterhält und die Personen anders darstellst. Die offiziellen Pressekonferenzen sind natürlich fragwürdig langweilig.“

Ein Fahrer, der bekannt dafür ist, Pressekonferenzen zu verachten, ist Kimi Räikkönen. Zuletzt hast du gemeint, dass er sich mit seinem Ferrari-Comeback keinen Gefallen getan hat. Bleibst du bei dieser Einschätzung, nachdem wir jetzt auch den Vergleich mit Sebastian Vettel kennen?
Hausleitner: „Kurz gesagt: Es ist gut für sein Konto, aber schlecht für seine Reputation. Wer würde nicht zu Ferrari gehen, dort bekommt er um die 20 Millionen. Andererseits hat er schon gegen Alonso denkbar alt ausgesehen, gegen Vettel schaut er jetzt noch älter aus. Von seinem Glanz als Ausnahme- und Jahrhunderttalent ist relativ wenig übrig geblieben. Für mich war er auch in der vergangenen Saison enttäuschend. Natürlich, er hatte mehr technische Unzulänglichkeiten, in Wahrheit war er aber in keiner Phase auf Augenhöhe mit Vettel. Das ist jetzt das zweite Mal, dass er sich mit einem wirklich großen Piloten gemessen hat bei Ferrari, und er ist zum zweiten Mal ganz klar der Verlierer.“

„Von seinem Glanz als Ausnahme- und Jahrhunderttalent ist relativ wenig übrig geblieben.“

– Hausleitner über Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen

Das heißt, es wird wahrscheinlich auch die letzte Saison für Kimi werden…
Hausleitner: „Ja, davon gehe ich aus. Da bin ich mir relativ sicher.“

Im Vergleich zu Räikkönen konnte Sebastian Vettel 2015 in seinem Debütjahr bei Ferrari glänzen. Sofort kamen in den Medien dadurch Vergleiche mit Michael Schumacher auf. Ist es angebracht, ihn mit Schumacher zu vergleichen beziehungsweise überhaupt fair ihm gegenüber?
Hausleitner: „Die Vergleiche sind entstanden, weil er in einer ähnlichen Situation wie Schumacher zu Ferrari gekommen ist. Damals waren sie, glaube ich, sogar noch erfolgloser. Das ist vielleicht der Punkt, wo man die beiden Karriere bei Ferrari vergleichen kann. Ansonsten halte ich von dem Vergleich relativ wenig. Er selbst hält auch nicht viel davon. Unbestritten ist, dass er sich super präsentiert hat. Für mich ist er auch über den Erwartungen geblieben im vergangenen Jahr. Man hat an ihm ja auch gezweifelt, nachdem ihn im letzten Red-Bull-Jahr Daniel Ricciardo geschlagen hat. Er hat sich davon super rehabilitiert. Er hat sich als absoluter Ausnahmekönner präsentieren können.“

Was wird er 2016 schaffen können? Wird er zumindest seine drei Siege wiederholen können?
Hausleitner: „Ich glaube schon. Ich weiß nicht, ob viel mehr drinnen sein wird, aber ich befürchte eher nicht. Ich hoffe, ich irre mich, aber ich glaube, dass sich nicht viel ändern wird. Mercedes wird wieder dramatisch überlegen sein, den ein oder anderen Sieg wird dann Ferrari wieder abstauben. Es wird meiner Einschätzung nach eine ähnliche Saison werden was die Spitze anbelangt, wie es auch jetzt war. Dahinter wird es vielleicht wieder interessanter werden, aber die zwei (Hamilton und Rosberg; Anm.) werden sich das ausschnapsen.“

Das war jetzt eigentlich keine Werbung dafür, dass man ab März wieder jeden Sonntag ORF eins einschalten sollte…
Hausleitner: „(lacht) Ich bin zum Beispiel gespannt, wie sich Toro Rosso präsentiert, ich bin auch sehr gespannt, wie sich Haas präsentieren wird. Daher erwarte ich mir vor allem in der Anfangsphase relativ viel. Außerdem muss man schauen, was mit dem wiedergeborenen Renault-Werksteam ist. Also gibt es schon viele andere Aspekte, warum man unbedingt einschalten sollte. Die Rennen waren ja trotzdem gut. Wenn man jetzt zum Beispiel den Russland-Grand-Prix hernimmt. Der war 2014 nicht zum Anschauen, und 2015 war es vielleicht sogar das beste Rennen im Jahr. Oder Mexiko, das war sicher ein Highlight.“

Wie war’s in Mexiko vor Ort? Im Fernseher hat’s wirklich toll ausgesehen…
Hausleitner: „Überragend! Die Stimmung war mitreißend, elektrisierend. Stimmungsmäßig mit das Beste, was ich in der Formel 1 jemals gesehen habe. Das war wirklich großartig. Wir sind ja mit einer relativ niedrigen Erwartungshaltung dorthin gefahren. Es hat geheißen, dass es gefährlich sei. Aber es war wirklich überragend. War eine tolle Erfahrung. Freu‘ mich schon wieder drauf!“

Wird’s in diesem Jahr auch wieder so toll? Immerhin war in Österreich schon ein Jahr nach dem Comeback die Stimmung am Abflauen? Oder kann man das nicht vergleichen?
Hausleitner: „Ich weiß nicht, ob man das vergleichen kann. Das kann ich erst sagen, wenn wir im November dort waren. Aber dass Österreich den Level nicht mehr so hoch halten konnte, ist für mich nur eine Momentaufnahme. Wir waren vor Österreich in Kanada, da war das Rennen ausverkauft. Silverstone war danach ausverkauft. Ich habe in meinem ganzen Formel-1-Dasein noch nie so viele Menschen in Spa gesehen wie vergangenes Jahr. Mir fallen jetzt genau so viele Rennen ein, wo der Zuschauerzuspruch über den Erwartungen gelegen ist, wo man vor ausverkauftem Haus gefahren ist. Da darf man das Bild, das sich in Österreich im Vorjahr geboten hat, nicht überbewerten.“

Ist da auch von den Medien vielleicht etwas falsch transportiert worden?
Hausleitner: „Nein, es ist Fakt, dass weniger Leute da waren. 2014 hat’s halt besser ausgesehen. Ich weiß auch nicht, welchen nationalen Strömungen der Zuschauerzuspruch unterliegt. Ich will nur sagen, dass es durchaus viele Rennen gibt, die ausverkauft sind und wo keiner darüber nachdenkt, ob die Formel 1 nun in der Krise ist oder nicht. In Mexiko, in Kanada, in Silverstone, in Spa. Da war’s überall rappelvoll.“

„Man darf das Bild, das sich in Österreich im Vorjahr geboten hat, nicht überbewerten.“

– Hausleitner über die zurückgegangene Euphorie beim Österreich-Grand-Prix 2015

Lustigerweise hast du jetzt nur traditionsreiche Strecke genannt. Ist es dann nicht absurd, dass man in Baku ein Rennen fährt?
Hausleitner: „Ich bin diesbezüglich absoluter Traditionalist. Ich bin heilfroh, dass sie sich das doch noch einmal überlegt haben und Monza doch nicht abschaffen. Das wäre der absolute Knieschuss gewesen. Mexiko ist im Gegensatz dazu auch ein Beispiel, dass man solchen Austragungsorten – auch wenn man dort schon gefahren ist – eine Chance geben sollte.“

„Ich bin jetzt nicht von vornherein sicher, dass Baku in die Hose gehen wird. Das kann genauso gut auch gut werden. Es funktioniert aber nur, wenn die Traditionsstrecken, die wir noch haben, bestehen bleiben. Deshalb wäre es auch ein Wahnsinn gewesen, sich von Monza zu trennen. Ich glaube auch, dass da viel mehr Politik dahinter ist, als es in der Realität umgesetzt werden würde. Fakt ist, dass die Formel 1 nicht so leicht und locker auf Monza verzichten kann.“

Den zweiten Teil meines Interviews mit Ernst Hausleitner könnt ihr nächsten Freitag hier lesen.

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