#CiaoJules

21 Jahre. Der seidene Faden hielt lange. Aber nicht ewig. Wieder starb ein Formel-1-Pilot, wurde durch einen brutalen Unfall aus dem noch jungen Leben gerissen.

Ich verwende das Wort “Tragödie“ nicht gerne, da es in der heutigen Zeit inflationär verwendet wird, dadurch an Bedeutung verliert. Aber in diesem Fall wäre es das einzig passende Wort, um das Geschehene zu beschreiben. Der Schmerz über den Verlust, der Ärger über das Vergängliche, die Wut über die eigene Hilflosigkeit, die Suche nach der Schuld – alles darin vereint.

Jules Bianchi war vier Jahre alt, als der vermeintlich letzte Formel-1-Pilot auf einer Rennstrecke sein Leben gelassen hat. Ayrton Senna da Silva. Er war der deklarierte letzte Pilot, der jemals sterben sollte. Ein Mythos wurde um den Brasilianer erschaffen. Im Mai 2014, wenige Monate vor Bianchis folgenschweren Unfall, wurde Senna zu seinem 20. Todestag gedacht. Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, dass es bald wieder einen aus den Reihen der Königsklasse treffen wird.

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Die verhängnisvolle Runde 44 im Grand Prix von Japan 2014 wird man in der Motorsportszene nie mehr vergessen. Ich kann mich noch daran erinnern, als Ernst Hausleitner und Alexander Wurz, die beiden ORF-Kommentatoren, aufgekratzt, selbst sehr betroffen und in Ungewissheit die Unterbrechung und schließlich auch die Nachberichte in Suzuka moderierten. Jedem war bereits zu diesem Zeitpunkt bewusst, dass etwas Schlimmes passiert ist.

Auch weil die Unfallszene nicht auf dem internationalen TV-Bild übertragen wurde. Doch musste man nur in den sozialen Medien surfen, um den Unfallhergang zu sehen – im Nachhinein hätte ich es mir gerne erspart. Gut ist mir auch noch das erste Interview von Adrian Sutil nach dem Rennen in Erinnerung. Die Farbe war aus seinem Gesicht gewichen, er stand sichtlich unter Schock, stammelte in die Mikrofone und war bedacht darauf, dem aufgebrachten Millionenpublikum nichts Genaues zu erzählen.

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Er war schließlich dabei, als Bianchis Bolide mit hoher Geschwindigkeit in den Ladekran krachte und sah auch, wie das medizinische Personal alle Hände voll zu tun hatte, um Bianchi überhaupt aus dem Wrack zu bergen. Sofort kamen einem Bilder aus dem Jahr 1994 wieder hoch, wie Ayrton Senna in der Auslaufzone der Tamburello-Kurve in Imola liegt. Bewusstlos. Das Ärzteteam über ihn gebeugt, um sein Leben kämpfend.

Auch Jules Bianchi kämpfte. Zehn Monate. Doch er verlor. Und ging. In einem Interview, das TV-Kommentator Will Buxton nach seinem sensationellen Ergebnis von Monaco – Bianchi holte mit einer beherzten Fahrt im Fürstentum als Neunter die ersten Punkte für das Marussia-Team – geführt hat, erzählt der Franzose von seinen Anfängen, seiner Arbeit mit dem Team und den Testfahrten mit Ferrari. Als Nachwuchspilot der Scuderia war er in Lauerstellung. Heute wissen wir, dass Bianchi einen Vertrag mit Sauber unterzeichnet hatte und später Kimi Räikkönen bei Ferrari beerben sollte. Soweit kam es jedoch nicht.

Buxton schrieb einen berührenden Blogeintrag nach der Nachricht von Bianchis Tod. Zwar lässt sich mit Worten nicht beschreiben, welch große Leere der 25-Jährige hinterlässt, aber mit dem Interview möchte er an den lebensfrohen, ehrgeizigen und aufstrebenden Jules Bianchi erinnern.

“Wirst du Formel-1-Weltmeister werden?“
“Ich möchte nicht sagen, dass ich es werde. Das wäre falsch. Aber natürlich will ich es. Ich werde alles dafür tun, um eines Tages einer zu werden. Wenn nicht, dann werde ich es nicht bereuen.“

Jules Bianchi wurde nicht Formel-1-Weltmeister. Aber er hat sich mit seiner Fahrt von Monaco in die Geschichtsbücher eingetragen und einem Team das Überleben gesichert. Zusätzlich hat er die Motorsportwelt bereichert und den Zuschauern viel Freude bereitet. Er starb für seine Leidenschaft, hatte nichts zu bereuen. Das ist der einzige Trost in diesen Stunden. Jules Bianchi wurde 25 Jahre alt.

4 Gedanken zu “#CiaoJules

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