Das hinkende Pferd

Heute vor sieben Jahren gab es bei der Scuderia Ferrari allen Grund zur Freude. Obwohl das Zugpferd Michael Schumacher Ende 2006 seine Karriere beendet hatte, fand man schnell einen Ersatzmann, der den Erfolg nach Maranello zurückbringen sollte. Kimi Räikkönen gelang der große Wurf. Der Iceman, der enttäuscht von McLaren zu den Roten kam, wurde 2007 in seinem ersten Jahr mit Ferrari Weltmeister. Für ihn erfüllte sich endlich sein Kindheitstraum, für Ferrari ging der schon fast selbstverständliche Erfolg weiter – zumindest glaubte man das.

Sieben Jahre später könnte man von Skurrilität oder sehr eigenartigem italienischen Humor sprechen, wenn man jemanden erklärt, dass man Räikkönen nach zwei weiteren, eher erfolgloseren Jahren vor die Tür gesetzt hatte, um ihn fünf Jahre später wieder zurückzuholen, weil der, für den der Finne Platz machen musste, nicht erfolgreich war. Räikkönen musste für Fernando Alonso gehen, den er 2007 noch um einen Punkt in der Weltmeisterschaft geschlagen hatte. 2014 holte man den Iceman zurück zur Scuderia, als eine Art Eingeständnis, weil man sich 2009 mit dem voreiligen Rauswurf anscheinend doch irrte. In Wirklichkeit konnte und kann nicht einmal der von vielen als der beste aktuelle Formel-1-Rennfahrer bezeichnete Alonso die schlechte Arbeit des Teams kompensieren. Sieben Jahre später ist nach wie vor Räikkönen der letzte Fahrerweltmeister auf Ferrari.

Das wirft die Frage auf, ob man Ferrari in der Formel 1 überhaupt noch braucht? Und was mit dem Team passiert? Muss man sich um die Kultmarke mit dem springenden schwarzen Pferd Sorgen machen? Gut, 2008 hielt man tapfer gegen Lewis Hamilton und McLaren dagegen. Und auch Alonso hatte seine Momente mit der Scuderia. 2010 und 2012 hätte genauso gut der Spanier den Titel holen können. Schlußendlich zählen aber die Ergebnisse – und die sind für ein so erfolgsverwöhntes Team wie Ferrari enttäuschend, deprimierend und demoralisierend. Wenn dann auch noch der mit eisener Hand herrschende und nicht wegzudenkende Präsident das Handtuch wirft und der Teamchef während der laufenden Saison gekündigt wird, dann wird man nachdenklich. Es ist, sagen wir dezent, ein kleines Erdbeben, das Maranello erschüttert hat.

Es hat sich aber nicht erst in diesem Jahr angekündigt. Schon 2009 konnte man merken, dass Ferrari mit den technischen Änderungen nicht mehr mitkam. Felipe Massa und Räikkönen lieferten den schlechtesten Saisonstart in der Geschichte des Teams ab. Seitdem hinkte man zuerst hinter BrawnGP, dann Red Bull, und nun hinter Mercedes hinterher. Wobei man mit den einschneidenden Regeländerungen 2014 ebenfalls seine liebe Mühe hat, was sich in der WM-Wertung widerspiegelt, wo man hinter Mercedes, Red Bull und Williams nur mehr auf Platz vier rangiert. Es wird wahrscheinlich auch eine Saison ohne Sieg für die Mannschaft werden – der letzte liegt bereits über ein Jahr zurück (Alonso, Grand Prix von Spanien 2013) – sogar in den mageren Jahren 2011 und 2009 schafften Alonso und Räikkönen jeweils einen Sieg. Und das alles mit einem Weltmeister-Duo, von dem man sich vor Saisonbeginn ein packendes Duell erwartet hatte. Denn selbst zwei der besten Rennfahrer ihrer Generation schaffen es nicht, mit dem F14-T möglichst vernünftige Ergebnisse einzufahren. Alonso schreibt bisher einen zweiten Platz als beste Platzierung an, Räikkönen, der schon während der gesamten Saison Formprobleme hat, erzielt in Belgien einen vierten Platz – sorgte mit seinem heftigen Unfall in Silverstone aber zugleich auch für das bisherige Negativhighlight aus der Sicht von Ferrari.

Nun muss man nur logisch denken können, um zu sehen, dass etwas verkehrt läuft bei den Roten. Denn sobald ein Räikkönen und vor allem ein Alonso nicht mehr weiterwissen, und mit dem Auto nur vereinzelt auf das Podium fahren können, ist klar, dass der Fehler nicht bei den Fahrern liegt. Daher ist es auch allzu verständlich, wenn einer der beiden das humpelnde Pferd verlassen möchte. So wird zumindest gemunckelt, dass die heiße und innige Liebesbeziehung zwischen Ferrari und Alonso in diesem Jahr massiv abkühlte und die Ehe zwangsläufig geschieden werden wird. Das Feuer ist erloschen, der Titel nicht gewonnen, der Traum zerplatzt.

2015 soll es allem Anschein nach das Kumpel-Duo Räikkönen und Sebastian Vettel richten. Für den Finnen wird es wahrscheinlich sein letztes, oder eben vorletztes Jahr in der Königsklasse sein. Er wird nun im Spätherbst seiner Karriere nicht plötzlich zum großen Motivator und Aufsprecher mutieren. Was man sich von Vettel erwarten kann, bleibt abzuwarten. Grundsätzlich gilt er als Perfektionist, kann aber nur mäßig gut mit sportlichen Krisen umgehen. Dass er bei Ferrari genau zu einer solchen ins Team kommt, es passt irgendwie zur Gesamtverfassung.

Die Erfolge der Scuderia sind bestimmt ein Anreiz für Vettel. Immerhin möchte er es Michael Schumacher gleichtun. Dazu müsste er aber fünf Titel in Folge einfahren. Mit Red Bull hat er das schon einmal fast geschafft. Vielleicht möchte er aber auch einfach dasselbe von sich hören, was der ehemalige FIAT-Boss Giovanni Agnelli 1996 über die Ankunft von Michael Schumacher bei Ferrari sagte, nämlich: „Wenn Ferrari mit Michael Schumacher nicht Weltmeister wird, dann werden wir es nie mehr.“ Vielleicht wird Ferrari auch nie wieder einen Titel einfahren, vielleicht ist aber auch Vettel der Heilsbringer. Wieder ein Deutscher, wieder ein Perfektionist. Damit sollte man in Maranello genügend Erfahrung haben. Doch äußert sich zuletzt Schumachers ehemaliger Manager Willy Weber gegenüber ‚Auto Bild motorpsort‘ skeptisch: „Sebastian ist viel sensibler als Michael. Wenn es mal nicht läuft, wird der Druck bei Ferrari aber größer als überall sonst. Da herrscht nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen, sondern ganz viel Politik.“

Die Geschichte des Teams ist jedenfalls ohne Zweifel beeindruckend. Insgesamt holten die Roten aus Maranello 31 Titel (15 Fahrertitel, 16 Teamtitel).  Bei 885 Rennteilnahmen gab es 429 Ausfälle, 220 Siege, 207 Pole-Positionen, 230 schnellste Rennrunden, eine Siegquote von 24,970 Prozent. Mit Alberto Ascari 1952 sollte die Siegesserie beginnen, mit Kimi Räikkönen vorerst enden. Alonso wollte der zehnte Fahrer in dieser elitären Runde sein. Neben Ascari, Fangio, Lauda, Hill, Scheckter, Hawthorn, Surtees, Schumacher und eben Räikkönen. Nun steht er eher in einer Reihe mit Prost, Ickx, Villeneuve, Irvine, Barichello, Massa oder Regazzoni. Eben nur in der zweiten. Vettel könnte nach Fangio, Scheckter und Räikkönen der vierte Pilot werden, der es im Antrittsjahr zum Titel mit Ferrari schafft.

Mit Sergio Marchionne als neuen Ferrari-Chef, Marco Mattiacci als Teamchef und den beiden Fahrern, Räikkönen und Vettel, soll es 2015 wieder bergauf gehen. Marchionne, der erst seit Mitte Oktober die Geschäfte bei Ferrari leitet, macht bereits zu seinem Amtsantritt klar, dass er Misserfolg auf lange Sicht nicht dulden wird. „Ein Ferrari, der auf der Rennstrecke nicht gewinnt, ist kein Ferrari“, wird er bei ‚Autocar‚ zitiert. „Ich kann mit kurzweiligem Pech leben, aber es darf kein struktureller Bestandteil der Marke werden“, so der Italiener weiter. Er musste „in ein paar Ärsche treten“, und das schnell, wird er zitiert. „Wir werden vielleicht versagen, aber wir haben ja nichts zu verlieren, richtig? Lasst uns etwas riskieren.“ Dies wird auch der einzige Weg sein, um aus alten Strukturen auszubrechen und Innovation nach Maranello zu bringen. Hoffentlich erleidet Marchionne mit seinen Vorsätzen keine Bruchlandung.

Die größte Frage wird in Zukunft aber eine andere sein: Wird man wieder 21 Jahre auf den nächsten Fahrertitel warten müssen? So lange dauerte es nämlich nach Jody Scheckter 1979, bis Michael Schumacher Ferrari 2000 in eine gloreiche Zeit voller Jubel und Heiterkeit führte. Man möchte es nicht hoffen. Nicht für die Formel 1 und nicht für das älteste und erfolgreichste Team der Königsklasse.

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