Das Leben nach dem Tod

1. Mai 1994. Ein Datum, das man als Motorsportfan nie vergessen wird. Das schwärzeste Wochenende der Formel-1-Geschichte hat den Sport für immer verändert. Ich wollte einen Beitrag zu dem Wochenende beisteuern, das ich selbst nicht miterlebt habe.

Es ist schon komisch. Ein Mensch ist 20 Jahre tot, und ich lerne ihn erst jetzt kennen. Ich bin mit Motorsport aufgewachsen. Die ersten Duelle, an die ich mich erinnern kann, waren die Kämpfe von Schumacher gegen Häkkinen. Ich habe gerade einmal die vergangenen zehn Jahre der Formel-1-Geschichte miterlebt. Doch erst jetzt lerne ich über die Jahre vor meiner Existenz. Ich höre Geschichten darüber und wünsche mir immer mehr ein Teil dieser Welt gewesen zu sein. Dieser Welt voller röhrender Motoren, charismatischer Fahrer und purem Rennsport.

Doch es kam anders. Das Schicksal wollte es so. Ich bin erst neun Tage nach dem tragischen Grand-Prix-Wochenende in Imola 1994 auf die Welt gekommen. Habe davon nichts mitbekommen. Ayrton Senna da Silva ist lange tot, bevor ich ihn bewusst wahrnehme. Ich habe den von vielen als besten Rennfahrer aller Zeiten bezeichneten Brasilianer nie fahren sehen. Ich habe zwar verstanden, wer er war und was er tat, aber ich habe diese Verehrung und den Kult um seine Person, der bis heute anhält, nicht verstanden. Was macht Ayrton Senna aus?

Autodromo di Monza | Fotocredit: Maria Reyer

Autodromo di Monza | Fotocredit: Maria Reyer

Erst viel später wurde mir klar, wie oft Senna in meinem Leben bereits aufgetaucht ist. Eine scheinbar unbedeutende Anekdote aus dem Jahr 2009: Autodromo di Monza am Freitagnachmittag. Das zweite Freie Training ist vorbei und zusammen mit meinen Eltern und unzähligen anderen Fans pilgere ich zurück zu unserem Auto, das außerhalb des Parks von Monza steht. Vorbei an den Ständen mit Kappen, T-Shirts und Fahnen. Plötzlich hält mein Vater an. Bei einem kleinen Verkaufshäuschen eines Künstlers. Neben den Porträts von Alonso und Räikkönen hängt auch eines von Ayrton Senna. Eine detaillierte Zeichnung mit Bleistift – sein Kopf, sein John-Player-Special-Lotus und sein McLaren. Darunter Geburts- und Todestag. Seit diesem Rennwochenende in Italien ziert das Bild eine Wand in unserem Wohnzimmer in der Steiermark. Seitdem ist er immer präsent. Nicht nur an den Rennsonntagen vor dem Fernseher.

Wenn ich könnte, würde ich die Zeit gerne zurückdrehen. Ich hätte Senna gerne live fahren gesehen. Ich hätte gerne seine Anwesenheit gespürt und seine Fahrkünste beobachtet. Aber nun kann ich mir nur mit Dokumentationen und Texten behelfen. Dabei denke ich mir jedes einzelne Mal, wenn die Szene aus der Onboard-Kamera des Williams in Imola 1994 gezeigt wird, dass er doch einfach weiterfahren möge. Und dann ist das Bild schwarz. Die Gewissheit da, dass es tatsächlich passiert ist. Dass die Sonne an diesem Sonntagnachmittag in Italien tatsächlich vom Himmel gefallen ist.

Anfangs habe ich mich gefragt, was Senna ausmacht? Die Antwort lässt sich in einem Wort ausdrücken: Besonderheit. Ayrton Senna war besonders. Abgesehen von seinen Fahrkünsten, die mit Sicherheit zu den besten zählten, ist für mich vor allem seine Persönlichkeit besonders. Sogar bei alten Interviews oder Aufnahmen von ihm an Rennwochenenden ist sein Charisma spürbar. Er hatte eine immense Ausstrahlung. Wie er redete, wie er sich bewegte, wie er fuhr. Besonders aber hat mich sein unbändiger Wille zu siegen beeindruckt. Der Perfektionismus, der nicht, wie bei vielen anderen, verbissen wirkte. Bei Senna gehörte die Entschlossenheit dazu. Nur der Sieg zählte. Gepaart mit seinem Talent und seinem Selbstbewusstsein wird daraus eine einzigartige Mischung. Obwohl ich ihn nicht kannte, ist er etwas Besonderes für mich.

Nicht nur Sennas Tod, sondern auch der tödliche Unfall von Roland Ratzenberger am Samstag des San-Marino-Wochenendes scheinen einen Sinn gehabt zu haben. Wie schon vorher erwähnt, hat dieses Wochenende den Sport verändert. Ich kenne den Sport nur ab diesem Zeitpunkt – die Formel 1 nach Senna. Trotzdem ist klar, welche Bedeutung diese tragischen Geschehnisse haben. Denn ohne die zwei Todesfälle, würden wir heute nicht die Formel-1-Rennen sehen, die wir sehen. Die Sicherheit ist in den Mittelpunkt gerückt worden und damit wurde automatisch auch der Wunsch von Senna selbst wahrgemacht. Er war sehr betroffen von Ratzenbergers Tod im Qualifying am Samstag und wollte ein Treffen der Fahrer nach dem San-Marino-Rennen initiieren, um über Sicherheitsfragen zu diskutieren. Er hat die Fortschritte nicht miterlebt, aber unbewusst viele Leben gerettet. Man denke an den Unfall von Robert Kubica 2007 beim Grand Prix von Kanada oder von Felipe Massa 2009 in Ungarn.

Update: Leider kommt in der Zwischenzeit – ein Jahr nachdem dieser Text ursprünglich verfasst wurde – ein weiterer schwerer Unfall hinzu. Jener von Jules Bianchi beim Grand Prix von Japan 2014. Der Franzose kämpft weiterhin um sein Leben und liegt immer noch im Koma. Der Vorfall hat gezeigt, dass der Rennsport auch 20 Jahre nach Sennas Tod weiterhin gefährlich ist.

Anschließend habe ich mir die Frage gestellt, warum mich der Tod eines mir völlig unbekannten Menschen vor 20 Jahren in der Gegenwart so berührt? Warum sprechen wir nicht im gleichen Ausmaß über den verunglückten Österreicher Ratzenberger? Und ist Senna durch den Unfall zu einem besseren Fahrer gemacht worden, als er eigentlich war?

Nun lassen tagtäglich viele Menschen rund um den Globus ihr Leben. Der Tod ist allgegenwärtig. Und wir nehmen es als gegeben hin. Wenn man sich eine Nachrichtensendung ansieht, realisiert man oft nicht, wie viele Menschen tatsächlich bei einem Unglück ihr Leben gelassen haben. Man hört die Zahl und vergisst sie in derselben Sekunde wieder. Schon kommt die Anmoderation für den nächsten Beitrag.

Aber durch das einzelne Schicksal eines bekannten Menschen, der polarisiert und viele Millionen bewegt hat, ändert sich das plötzlich. Es geht einem näher, als ein Flugzeugabsturz oder ein Geiseldrama . Warum? Man kann sich mit der Person oder mit den Taten dieser Person identifizieren. Man hat viele Emotionen mit dieser Person durchlebt. Und nun hat es genau diese Person getroffen. Mit Ayrton Senna starb ein Held, der als unsterblich galt. Er war nicht mehr. Und Millionen Menschen trauerten auf den Straßen von Sao Paulo. Drei Tage Staatstrauer in Brasilien. Die Bilder des Begräbnisses haben sich ebenfalls eingeprägt. Und das ist auch der Grund dafür, warum es einem nahe geht. Das Schicksal des Einzelnen. Des Helden. Des Magischen, wie Senna genannt wurde. Dieses Verhalten konnte man auch bei dem Skiunfall von Michael Schumacher beobachten. Plötzlich ist der Held angreifbar, verletzbar. Und viele Menschen rührt das Schicksal dieses Menschen. Diese schweren Schicksalsschläge sollten uns zu erkennen geben, dass niemand unverwundbar ist. Kein Senna, kein Schumacher, niemand. Das Leben ist kostbar und das wird einem auf grauenhafte Weise durch solche Geschehnisse klargemacht.

Durch die Bekanntheit der Person steigt auch die Anteilnahme. Roland Ratzenbergers Tod bleibt oft unerwähnt. Auch der schwere Unfall von Rubens Barrichello am Freitag des San-Marino-Rennwochenendes findet nicht in dem Ausmaß Erwähnung wie der Tod des dreifachen Weltmeisters Senna. Verständlich. Gerhard Berger brachte in einer Dokumentation auf NDR einen interessanten Aspekt ein: Wenn die Fahrer in ein Land reisten, haben oft Fanclubs um ein Treffen gebeten oder sich Stars mit den Piloten fotografieren lassen. Doch bei Senna war das anders, erzählt dessen ehemaliger McLaren-Teamkollege Berger. Bei Senna rief der Staatspräsident an.

Leider ist das Schicksal Ratzenbergers durch den Senna-Tod tags darauf in Vergessenheit geraten. Der Österreicher fuhr in seiner ersten Formel-1-Saison. Vor seinem Unfall hat er gerade einmal ein Rennen absolviert. Er war noch nicht sehr bekannt. Eher waren die Österreicher Gerhard Berger und Karl Wendlinger ein Begriff – Wendlinger hatte nur eine Woche nach dem Imola-Rennen einen schweren Unfall beim Training zum Grand Prix von Monaco. Er lag daraufhin mehrere Wochen im Koma. Ebenfalls ein Ereignis, das von dem Verlust Sennas überschattet wurde.

Ist der Hype um Senna durch seinen Tod verstärkt worden? Wurde er dadurch zur Legende? Ich glaube, dass jeder für sich selbst auf diese Fragen Antworten finden muss. Da ich seine aktive Zeit nicht mitverfolgen konnte, bleibt mir nur der Rückblick.  In den Medien ist teilweise definitiv eine Heroisierung passiert und passiert noch immer. Trotzdem muss es einen Grund dafür geben. Und dieser ist in der oben beschriebenen Besonderheit der Person Ayrton Senna da Silvas auszumachen.

Die Legende Senna lebt von seiner Persönlichkeit und von seinen Wundertaten auf der Rennstrecke. Die negativen Seiten werden dabei oft ausgeblendet. Seine sehr aggressive Fahrweise. Seine Risikobereitschaft auf der Strecke. Suzuka 1989 und 1990 waren nur zwei Beispiele dafür. Diese Manöver haben Senna geschadet. Er hätte alleine durch sein Talent überzeugen können, sein Wille zu gewinnen war jedoch stärker.

Die Vergötterung der Person Ayrton Senna ist trotzdem positiv zu betrachten, denn somit wird man sich immer an vergangene Zeiten und auch an die schrecklichen Momente der Formel 1 zurückerinnern. Man wird ihn nicht vergessen und das ist es doch, was einem nach dem Tod noch bleibt – im Leben etwas zu schaffen, das weit über die Grenzen des Seins und Nichtseins hinausreicht. Ayrton Senna hat das geschafft. Der Magische wird immer in den Erinnerungen, Geschichten und Erzählungen weiterleben.

Schlussendlich wird man die Faszination Ayrton Senna nie wirklich in Worte fassen können. Man kann es spüren, jedoch nicht beschreiben. Sein ehemaliger Teamchef bei McLaren – das Team, mit dem Senna alle drei Weltmeisterschaftstitel gewann – Ron Dennis hat sehr treffende Worte auf die Frage, was Senna womöglich zum größten Fahrer aller Zeiten macht, gefunden:

„I think it’s because he was so good for the whole time he was on the planet. I can see no positives from the fact that he had an accident and lost his life, but it means that you didn’t see his decline. There are lots of drivers that stay in the sport too long and tarnish their greatness.
I also think he’s remembered because he was just so unbelievably competitive. He was great, but he had good, human values. He had a few lapses in his life, but he was incredibly principled.
And he was a good human being.“
 

Fotocredit: Painting „Formula – Alone“ by Oleg Konin (–> Hier seine Bilder anschauen!)

HINWEIS!

 

Ihr wollt die neuesten Beiträge von Marie sofort mitbekommen? Dann meldet euch mit eurer Mail-Adresse an! Wie das geht? Ganz einfach. Ihr klickt auf das Kästchen rechts oben. Dann öffnet sich ein Menü, ihr scrollt etwas runter und gebt bei “Blog folgen” eure Adresse ein, fertig! Dann habt ihr Marie abonniert und erhaltet eine Mail, wenn ein neuer Blogeintrag online geht. Ihr werdet es nicht bereuen 😉

14 Gedanken zu “Das Leben nach dem Tod

    • markus eggstein schreibt:

      Warum ist Senna bis heute allgegenwärtig?Die Antwort liegt auf der Hand:Senna kam Mitte der 80er in die Formel 1.Es gab zwar noch kein Internet,dennoch war die Formel 1 zu der Zeit sowohl im TV als auch in den Printmedien nach der Fussball WM und Olympia das drittgrößte Sportereignis.Wobei die erstgenannten ja nur alle vier Jahre stattfinden.Und Senna war fraglos der beste Fahrer! David Remnick hat mal über Muhammad Ali folgendes geschrieben:Joe Louis vor ihm,Floyd Patterson,Sonny Listón,Joe Frazier,George Foreman davor und während und Larry Holmes,Mike Tyson,Evander Holyfield,Riddick Bowe oder Lennox Lewis danach – alles sehr gute teils überragende Boxer – aber sie alle erreichten nie Alis Strahlkraft! Das läßt sich auch auf Senna ummünzen. Weder Fangio,Clark,Stewart davor,Lauda,Prost,Schumacher davor,während und danach Alonso,Hamilton oder Vettel – auch sie erreichten nie Sennas Strahlkraft!Sie alle waren großartige Fahrer aber Ayrton Senna ist ein Mythos und war dies schon zu Lebzeiten.Ich kann das beurteilen,da ich die Formel 1 schon seit 1980 verfolge.Senna war neben seinem Fahrgenie eine charismatische Lichtgestalt und hatte eine unglaubliche Aura die ihn umgab.Während seiner Karriere polarisierte er wie kein Zweiter und er wurde schon vor seinem Tod gehypt.Er erreichte einen internationalen Status als der Sport-Weltstar schlechthin.Sein Tod,einhergehend mit der Tatsache,daß er viele Millionen Dollar brasilianischen Strassenkindern vermachte, machten ihn obendrein zu einer Art Märtyrer für die Armen in seinem Heimatland.

      Gefällt mir

      • Maria R. schreibt:

        Hallo Markus,

        Vielen Dank für deinen Kommentar! Ich habe mich sehr über deine Mitteilung gefreut. Und ja, Senna ist schon etwas Besonderes – auch wenn ich ihn selbst nie live fahren gesehen habe (was mich heute noch ärgert). Aber es ist schon interessant zu hören, wie das jemand erlebt hat, der die Formel 1 schon seit so vielen Jahren verfolgt!

        Liebe Grüße,
        Marie

        Gefällt mir

  1. Sonja schreibt:

    LIebe Maria! Sehr schön geschrieben, nette Gedanken! Ich verstehe dich gut – so ähnlich ging es mir mit Jochen Rindt. Als er gestorben ist, war ich zwar schon 2 Jahre alt, aber noch zu klein, um mich an ihn zu erinnern…
    LG
    Sonja

    Gefällt mir

  2. Gyrit Kratzer schreibt:

    Mir ist ja eher der Unfall von Ronnie Peterson in Erinnerung, der völlig unverschuldet in eine Massenkarambolage geriet und ein paar Tage später- obwohl keine Lebensgefahr bestand, an den Operationsfolgen durch eine Fettembolie starb. Ich fand das damals sehr tragisch, zumal ich ein grosser Fan von ihm war.
    Sehr gut recherchiert und geschrieben ist dein Bericht über Senna….trotz der Tragik, die jedem Todesfall in jungen Jahren anhaftet, wage ich ein 👍🏻

    Gefällt mir

    • Maria R. schreibt:

      Liebe Gyrit,
      vielen Dank für deinen Kommentar! Leider hat es schon viel zu viele tragische Unfälle in der Formel-1-Geschichte gegeben, dazu zählt natürlich auch das traurige Schicksal von Ronnie Peterson. Danke für deine Zeilen. Habe mich sehr darüber gefreut!
      Alles Liebe,
      Marie

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s