Viel Lärm um wenig

Kommentar von Maria Reyer

Wenn man heute in den Supermarkt geht und Erdbeermarmelade kauft, aber Erdnussbutter kriegt, dann wird man wahrscheinlich verärgert sein„, meint Bernie Ecclestone und spricht damit eine der aktuellen Debatten in der Königsklasse an. Und der Zampano soll Recht behalten. Denn wer sich auf schrille, laute und heulende Biester auf der Rennstrecke gefreut hat, möchte sich nicht mit lieblich schnurrenden V6-Motoren zufrieden geben.

Schon sind wir mitten in der hitzigen Diskussion rund um den Motorenlärm, oder eher den nicht mehr existierenden Lärm der Formel-1-Boliden. Der amtierende Weltmeister Sebastian Vettel beschreibt die Situation an der Rennstrecke passend: „Ein Staubsauger, der nebenher läuft.“ Bekräftigt seine Meinung vor dem Malaysia-Grand-Prix sogar noch mit den Worten: „Ich denke, der Sound ist scheiße. Wir sind ja hier nicht auf dem ADAC-Übungsplatz.“ Doch nach sehr viel mehr hören sich die neuen 1,6 Liter V6-Turbos auch wirklich nicht an. Viel Lärm um wenig also.

Zum Selbstschutz der Königsklasse zeigt sich nun FIA-Präsident Jean Todt verhandlungsbereit. Sollte der neue Sound tatsächlich ein so großes Problem darstellen, dann könne man gemeinsam an Lösungen arbeiten, um die Fahrzeuge wieder lauter zu machen, so der Franzose. Es wurde auch Zeit, denn schon bei den Testfahrten im Februar konnte man die Ohrstöpsel getrost zu Hause lassen.

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Der Sound als Bauernopfer

Man sollte aber bei aller Kritik die „Kirche im Dorf lassen„, wie es Mercedes-Aufsichtsratschef Niki Lauda pragmatisch, wie er ist, auf den Punkt bringt. Denn die Formel 1 hat sich nun einmal vor acht Jahren zu einer radikalen Regeländerung im technischen Bereich entschlossen. Und auch die jetzigen Kritiker saßen damals mit am Verhandlungstisch. Moderner, umweltfreundlicher und Kosten einsparender solle die ’neue‘ Königsklasse werden. Der Motorensound fiel dem leider zum Opfer.

Der Weltautomobilverband FIA hat die Auswirkungen ihrer Beschlüsse, wie schon so oft (auch die abartigen neuen Nasendesigns sind dadurch entstanden) unterschätzt. Denn in einem 2007 datiertem Schriftstück der FIA („Formula One 2011: Power-Train Regulation Framework„) wurde über die Soundkulisse der neuen Motoren Folgendes geschrieben: „The view is that the risk of this new noise being unappealing is low.“ Nun wurden die Regularien zwar erst drei Jahre später als geplant umgesetzt, trotzdem hat man ein Problem – denn es wurde mit diesem genannten niedrigen Risiko gepokert. Und verloren – der Sound ist nicht ansprechend.

Vor der neuen Ära konnte man die Autos schon hören bevor man sie sah – dies ist nun nicht mehr der Fall. Leider, denn durch die Änderungen hat sich die Königsklasse eines ihrer Hauptmerkmale entledigt. Nun musste man sich in den letzten Jahren schon an viele Neuerungen gewöhnen, doch so einen essentiellen Bestandteil des Motorsports zu eliminieren, das geht zu weit.

Lärm als Teil der Faszination

Laut Angaben der FIA habe sich die Lautstärke von 145 Dezibel „nur“ auf 134 Dezibel minimiert („2014 Formula One Power Unit Regulations„). In der Realität nimmt man den Unterschied jedoch viel deutlicher wahr. Es spendet auch nur wenig Trost, wenn man nun das Quietschen der Reifen, den Teamfunk oder den Jubel der Fans deutlicher hören kann. Denn die Formel 1 klingt nun, wie ein gezähmtes Kätzchen. Die Emotionen bleiben dabei auf der Strecke.

Es hilft auch nicht zu argumentieren, dass Rennserien, wie die Le Mans Series oder die neue Formel E ohne große Geräuschkulisse auskommen. Denn in diesen Serien war der ohrenbetäubende Lärm nie fixer Bestandteil, so gesehen vergleicht man hierbei Äpfel mit Birnen. Eindeutig leichter kann man die Formel 1 mit ihrer Nachwuchsserie GP2 vergleichen. Die jungen Wilden stehen der Königsklasse in nichts nach.

Was sind nun die Alternativen? Künstlich eine lautere Geräuschkulisse zu erzeugen, wie es einige Teamverantwortliche angedacht haben, ist tatsächlich „bizarr“, wie dies Niki Lauda kommentiert. Denn obwohl in der Formel 1 vieles nur Show ist, kann man einen röhrenden, lauten Motorensound nicht fälschen. In der Formel 1 gehört Lärm einfach dazu.

Fotocredit: McLaren

2 Gedanken zu “Viel Lärm um wenig

  1. Steven K. schreibt:

    Super geschrieben…
    Verstehe auch deine Meinung…
    Aber ich denke, das das alles viel zu sehr ins schlechte Licht gerückt wird. Klar war der sound der v8 und vor allem der der v10 saugermotoren passender, jedoch was die motorenhersteller für wahnsinnig aufwendige technikkunstwerke entwickelt haben, gerät völlig ausser achtung.

    Viele menschen mögen keine veränderung, deshalb wird die komplette formel 1 saison 2014 ins schlechte licht gerückt. Habe viele aussagen gehört und gelesen wie z.B. „solche staubsauger muss ich mir nicht anhören. Ich habe umgeschaltet“. Kann ich persönlich nicht nachvollziehen, da nicht nur der sound der fahrzeuge eine spannende saison ausmacht, sondern die teams, die fahrzeuge und vor allem die in diesem jahr äusserst talentierten fahrer!

    P.S.:
    Ich könnte mir übrigens vorstellen, das die meisten beschwerden von denjenigen kommen, die einen 6er golf gti vor der tür stehen haben… Oder ähnliches…

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