Die Vergänglichkeit des Seins

Schock. Der Zustand in dem ich mich im Moment befinde. Ein
erdrückendes, unbehagliches Gefühl. Gefangen in einem Moment. Man fühlt sich, als ob man sich nicht bewegen könne. Und die ganze Zeit immer nur dieser eine Gedanke. Ein unangenehmer Gedanke, der im Geiste herumschwirrt. Man weiß nicht wie helfen, was tun. Hoffen, bangen, zittern, beten.

Am 29. Dezember des vergangenen Jahres passierte ein großes Unglück. Mittlerweile hat es jeder durchschnittliche Medienkonsument
mitbekommen. Der siebenfache Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher hat bei einem Skiunfall ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Seitdem liegt er im Koma. Lebensgefahr.

Ich bin am morgen des 29. Dezembers wie üblich auf Twitter
unterwegs, um die Nachrichtenlage zu checken. Da kommt eine unscheinbare Meldung herein. Schumacher hatte einen Skiunfall. Anfangs sah alles sehr harmlos aus. Sofort surfte ich auf diversen Motorsport-Seiten und News-Homepages. Die Worte „not very serious“ waren zu lesen. Es sei nichts Ernstes. Ich ging von einer leichten Gehirnerschütterung aus.

Kurz später wurde bereits vermeldet, dass Schumacher verlegt wurde nach Grenoble. Es gab den ganzen Nachmittag über wenige Informationen. Niemand wusste, was genau geschehen war und wie es Schumacher geht. Nach und nach flatterten immer wieder Informations-Bröckelchen herein. Die Familie sei bei ihm. Gerard Saillant, der Arzt, der Schumi schon 1999 operiert hatte, sei eingetroffen. Schumachers Leibarzt Johannes Peil sei ebenfalls nach Grenoble gereist. Als auch bekannt wurde, dass Ross Brawn und Jean Todt Schumacher im Krankenhaus besuchten, dachte ich schon es könne sich wohl kaum nur um eine Gehirnerschütterung handeln.

Am 30. Dezember um elf Uhr kam dann die Bestätigung meiner Befürchtungen durch die behandelten Ärzte: schweres Schädel-Hirn-Trauma. Lebensgefahr. Kritischer Zustand. Hirnblutungen. Prellungen im Gehirn. Was? Wie bitte? Das konnte ich einfach nicht glauben.

In den Medien weltweit kam der Schumacher-Unfall als erste Meldung in den Hauptnachrichten. Formel-1 hatte seit dem Tod Sennas nicht mehr die Hauptschlagzeile in den Hauptnachrichten inne. Jetzt war es der große Schumacher. Das konnte alles einfach nicht wahr sein. Ich verfolgte die Medien bis spät in die Nacht. Irgendwann konnte ich es einfach nicht mehr hören. Das alles war einfach viel zu traurig.

Armin Wolf, ZIB-2-Moderator begann seine Anmoderation für den Hauptbericht der ZIB-2 um 22 Uhr vom 30. Dezember mit diesen Worten:

„Er war im schnellsten Sport der aller Schnellste und das so oft, wie keiner vor und nach ihm. 91 Formel-1-Rennen hat Michael Schumacher gewonnen. Sieben Mal war er Weltmeister.“

All diese Rekorde. Helfen können sie Schumacher in seinem Kampf nicht. Er hat sich schon früh in die ewigen Geschichtsbücher eingetragen. Doch jetzt muss er sein wohl wichtigstes Rennen gewinnen. Der 92. Sieg muss dem Kämpfer Schumacher einfach gelingen.

Auf Twitter ging eine Lawine der Anteilnahme los. Nicht nur von Formel-1-Kennern.  Auch von vielen anderen wichtigen Persönlichkeiten. Und während jeder seinem Schock, seiner Bestürzung und Betroffenheit Ausdruck verlieh, kämpfte Schumacher weiter um sein Leben.

Auf meiner Facebook-Seite hielt ich die Leute auf dem neuesten Stand. Das war allerdings nicht einfach, da es so gut wie keine Neuigkeiten gab, außer den Pressekonferenzen. Die Anteilnahme auch auf meiner Seite hat mich überwältigt. Viele haben kommentiert und gelikt. Das hätte ich nicht erwartet.

Wenn dieser Vorfall eines zeigt, dann das egal ob Fan oder nicht, Sportliebhaber oder nicht – das Schicksal des Michael Schumacher bewegt. Der Schicksalsschlag kam aus heiterem Himmel. Und die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Leider gab es auch viel schlechte Berichterstattung. Ein Beispiel dafür ist ein Artikel in der ‚Welt‘.

Schumacher ist kein Risiko-Junkie. Natürlich bringt der Beruf des Formel-1-Fahrers Risiken mit sich. Und auch in seiner Freizeit hat Schumacher Sportarten betrieben, die nicht ohne Risiko betrieben werden können. Aber Michael Schumacher konnte sehr wohl einschätzen, wie weit er gehen kann. Er ist verantwortungsvoller Familienvater von zwei Kindern. Da setzt man sein Leben nicht leichtfertig aufs Spiel.

Ganz abgesehen davon, dass dieser Unfall nichts mit Risiko zu tun hatte. Rein gar nichts. Es war ein Unfall. Wäre Schumacher nicht gegen einen Stein gefahren, hätte es ihn nicht ausgehoben, wäre er nicht mit dem Kopf auf einen anderen Stein aufgeprallt. Oder hätte es ihn mit dem Kopf in den weichen Tiefschnee befördert, würde ich diesen Text hier nicht schreiben. Was ich sagen will ist – diese Unterstellung ist eine Frechheit.

Doch es passierten kurz nach dem Bekanntwerden der Tragödie auch andere Frechheiten und Fehler. Viele Falschmeldungen wurden via Twitter verbreitet. Manch ein Medium wollte offensichtlich Profit aus dem traurigen Schicksal des Michael Schumacher schlagen. Auch auf Facebook wurden Pietätlosigkeiten verbreitet. Es wurden noch am 29. Dezember „R.I.P Michael Schumacher“-Seiten gegründet. Die Beweggründe dieser Facebook-Nutzer möchte man gerne einmal verstehen. Pietätlos zeigte sich auch ein Journalist, der sich als Priester verkleidet in die abgeriegelten Krankenhausräume schleichen wollte. So etwas ist an Unprofessionalität nicht zu übertreffen. Alles nur für Zusatzinformationen und Exklusiv-Stories. Ekelhaft.

Die ‚FAZ‘ hat hingegen einen sehr guten Kommentar zu dem Drama verfasst. Tatsächlich haben viele Menschen nicht verstanden, was passiert ist. Ein Mann prallt mit voller Wucht auf einen Fels und erleidet schwerste Verletzungen im Gehirn. Ein Unfall, der die Vergänglichkeit des Seins uns allen wieder deutlich werden lässt. Schumacher selbst hat einmal gesagt, dass es einfach Schicksal sei, wenn ihm etwas zustoßen würde.

Das Schicksal hat zugeschlagen. Leben verändert. Vieles verändert. Es ist der Familie Schumacher, allen Betroffenen, aber vor allem Michael Schumacher von ganzem Herzen zu wünschen, dass er wieder der Alte wird. Dass er diesen Unfall übersteht. Dass es ein schönes Leben danach gibt.

Aus tiefster Betroffenheit heraus muss ich auch noch etwas anders loswerden. Durch diesen Vorfall wurde auch mir wieder bewusst, wie kostbar das Leben eigentlich ist. Wir alle haben Silvester gefeiert. Sekt getrunken. Feuerwerke bestaunt. Das alles konnte Michael Schumacher in diesem Jahr nicht. Seien wir doch einfach einmal zufrieden mit unserem Leben.

In drei Tagen wird Michael Schumacher 45 Jahre alt. Geburtstagstorte wird es heuer womöglich keine geben. Das ist auch nicht wichtig. Leben ist viel wichtiger. Ich wünsche euch allen ein gesundes Jahr 2014. Auf das wir und Michael Schumacher heuer am 31. Dezember Sekt trinken und Feuerwerke bestaunen.

#PrayForSchumi #GetWellSoonSchumi #KaempfenSchumi

10 Gedanken zu “Die Vergänglichkeit des Seins

  1. Paul schreibt:

    ja, in deinem Schreiben hast du dich nur auf eine Person konzentriert, was ist mit all den anderen Menschen die auch zwischen Weihnachten und Neujahr verunglückt, gestorben und durch Attentaten um Leben gekommen sind? Warum sind die so nebensächlich? Ich wünsche Michael, dass er diesen Unglück gut wegsteckt und habe viel mehr Mitgefühl mit den Menschen, die ihre Liebsten verloren haben.

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    • mariareyer schreibt:

      Paul, du hast vollkommen recht. Jeden Tag sterben unschuldig Menschen auf Grund von Unfällen oder anderen unglücklichen Verkettungen. Aber leider wird das immer erst zum Thema, wenn es eine Person des öffentlichen Interesses trifft. Was mich selbst gestört hat, war, dass der Unfall als erste Meldung in den Nachrichten kam, noch vor den Anschlägen in Russland oder den Zusammenstößen im Kongo. Bei diesen Attentaten haben zahlreiche Menschen ihr Leben gelassen. Das ist sehr tragisch und nicht minder traurig.

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